Schnuppertag in der Kunstwelt
Bananen, Zucker, Eier, und Mehl sind die Hauptzutaten, um ein Bananenbrot zu backen. Doch was sind die Ingredienzen eines Aquarells?
Während dem ersten Corona-Lockdown, waren alle damit beschäftigt dutzende Bananenbrote zu backen und sich beim Sport zuhause mühsam abzuschwitzen. Azraëlle Ikanovic, 35 Jahre jung, entschied sich anders, holte ihre Aquarellmaterialien aus dem Keller und legte los. Ihr anfängliches Hobby wurde zur Leidenschaft und entwickelte sich bereits zum Nebenjob. Durch sie durfte nun auch ich die Kunstwelt etwas besser kennenlernen. Ich erfuhr, wie ein Gemälde bei ihr entsteht, wie sie sich dabei fühlt und diskutierte mit ihr, worin der Wert von Kunst gemessen wird. In den folgenden Absätzen teile ich meine gewonnenen Erfahrungen mit euch und biete eine Abwechslung zum täglichen Bananenbrot.
Das Skizzieren

Die Türe öffnet sich und Azraëlle steht mit einem sympathischen Lächeln vor mir. Ich fahre mit meinem Rollstuhl in die Wohnung hinein und sehe neben ihrem Esstisch bereits ihr Kunst-Wägeli bereitgestellt. Am Tisch angekommen zückt Azraëlle ihr kleines Skizzenbuch und erklärt mir, dass sie vor jedem Gemälde erstmal eine Skizze macht, um Farbmischungen und Kompositionen zu testen. Vor ein paar Monaten hatte sie ihre erste Vernissage und es war ihr sehr wichtig, auch ihre Skizzen auszustellen. Sie ist klar der Meinung, dass die alleinige Präsentation des Endprodukts (oder Gemäldes) den Eindruck erwecken könne, dass alles immer „perfekt“ sei und keine Fehler passieren. Ihre Inspiration zur Skizze und dem folgenden Gemälde kam ihr beim Spazieren, als sie verträumt in den Himmel schaute und dabei eine spannende Wolkenkonstellation entdeckte. Beim Lesen entstanden auch schon fiktive Bilder in ihrem Kopf, welche dann später

auf dem Papier echt wurden. Azraëlle schaut mich an, zückt ihr Handy und zeigt mir ein Bild: „Das werde ich heute malen!“. Ich Kunstbanause schaue mir das Bild an und kann mir noch nicht wirklich vorstellen, wie daraus ein Kunstwerk entstehen sollte. Kleiner Spoiler vorweg: „Es wird eines.“. Nun werden letzte Requisiten bereitgestellt und chilliger Lo-Fi Pop laufen gelassen. Azraëlle setzt sich hin und beginnt zu skizzieren, ihr Blick ändert sich schlagartig in konzentriert und fokussiert. Ein Pinselstrich folgt dem anderen. Alles, was sie macht, wirkt sehr sicher und kontrolliert; dass sie ein Auge für korrekte Tonwerte und stimmige Farbkompositionen hat, wird sehr schnell sichtbar. Ich vergass für eine kurze Zeit, dass es ja erst eine Skizze wird, so begann sich ein schlichtes Handyfoto bereits jetzt in ein Kunstwerk zu verwandeln.
Der Wert von Kunst
„So, ich bin fertig“, sagt Azraëlle und steht auf. Sie erklärt mir, dass sie als nächstes alles für das Gemälde vorbereitet. Sie beginnt das Papier zurechtzuschneiden und legt es anschliessend in ihre Badewanne, um es anzufeuchten. Nun haben wir kurz Zeit uns etwas über die Kunsthistorie und die Frage: „Worin wird der Wert der Kunst eigentlich gemessen?“, zu unterhalten. In einem kürzlich erschienenen Buch The Economics of American Art legen Ekelund und Jackson, beide emeritierte Professoren der Auburn University in Alabama, und der verstorbene Robert D. Tollison dar, was man genauer als „Wetten auf ein bevorstehendes Begräbnis“ bezeichnen könnte. Sie untersuchten die Auktionsergebnisse von 17 amerikanischen Nachkriegskünstler:innen und stellten fest, dass die Preise in den fünf Jahren vor dem Tod eines/einer Kunstschaffenden im Durchschnitt stetig ansteigen und in dem Jahr, in dem er oder sie stirbt, stark einbrechen. Die theoretischen Grundlagen für ihre Vermutung sind einfach, aber anspruchsvoll in ihrer Anwendung. Die Preise werden durch die Wechselwirkung zwischen dem Angebot, also der Menge und Qualität einer Ware oder Dienstleistung, und der Nachfrage danach bestimmt. In der Kunstwelt wird die Nachfrage nach einem/einer Künstler:in von vielen Faktoren beeinflusst, z. B. von der kritischen Rezeption, von Museumsausstellungen und davon, welche Sammler oder Institutionen Werke besitzen. Doch im Laufe des Lebens von einem/einer Künstler:in wird das Angebot vor allem von einem Faktor bestimmt: dem/der Künstler:in, welche:r das Werk produziert.

Azraëlle erzählte mir, dass auch sie begonnen hat, ihre Bilder zu verkaufen. Sie liess ihre Gemälde und deren Wert fachmännisch einschätzen und verkauft nun ihre Bilder zwischen CHF 650.- und CHF 850. -. Kunst ist teuer und genauso haben die Requisiten, um Kunst machen zu können, ihre stolzen Preise. Sie gibt für ihr ganzes Material im Monat durchschnittlich CHF 300.- aus. Azraëlle läuft zu ihrem Kunst-Wägeli, zeigt auf die Farbtuben und erzählt mir, dass sie ihre Farben inzwischen bei einer Freundin in Japan bestellt. Diese lassen sich besser mit dem Wasser vermischen. Azraëlle hat einen Gedankensprung: „Apropos Wasser! Es wird Zeit, ich hole mal das Papier aus der Wanne.“.
Der Hyperfokus

Nun ist alles ready und das eigentliche Malen kann beginnen. Azraëlle warnt mich noch, dass Sie gleich nicht mehr ansprechbar sei, greift zum Pinsel und legt los. Da ist er wieder, dieser Gesichtsausdruck von 100-prozentiger Konzentration. Azraëlle behauptet von sich selbst, dass Sie generell etwas Mühe hat sich zu konzentrieren, aber beim Malen in ein Hyperfokus fällt. Der verstorbene ungarische Psychologe Csikszentmihalyi behauptet, dass beim kreativen Arbeiten oft eine Art Trancezustand auftritt. Bei diesem Hyperfokus verliert man völlig das Zeitbewusstsein.
Er hilft aber die freien Gedanken und das bereits bestehende Wissen in produktive Arbeit. umzuwandeln. Dieses Zusammenspiel führt schlussendlich zu kreativen Wunderwerken. Ich schaue auf das Aquarell und beobachte, wie das Gemälde schöner wird, je länger sie malt. Die letzten Pinselstriche werden gemacht.

Als das Bild fertig wirkt, greift Azraëlle zu einer kleinen Salzdose und streut ganz wenig davon darüber. Dies soll dem Bild eine schönere Textur verleihen.
Der Schnuppertag geht zu Ende

Es ist getan, das Kunstwerk ist vollbracht. Ich frage, was nun mit dem Aquarell passiert, und Azraëlle erklärt mir, dass Sie nun das Gemälde auf dem Tisch zum Trocknen stehen lässt und es danach zu ihren anderen Bildern räumen wird. Ich bedanke mich recht herzlich bei ihr für die vielen wunderbaren Eindrücke und werde anschliessend zur Türe begleitet. Die Türe schliesst sich hinter mir und mein Schnuppertag in der Kunstwelt ist damit vorbei. Ich schaue positiv auf den Tag zurück. Ich verstehe nun die Faszination Kunst um einiges besser. Es war eindrücklich zu sehen, wie schnell aus einer Idee ein Gemälde entstehen kann. Mir wurde aber auch bewusst, dass technisches Wissen und deren Umsetzung wichtig ist, ein qualitativ hochwertiges Kunstwerk zu kreieren. Talent ohne Technik ist wie ein Bericht ohne Fotos, etwas langweilig. Nun freue ich mich bereits weitere Gemälde von ihr zu sehen und würde mich gerne vom Kunstbanausen zum Kunstinteressenten umtaufen lassen. Ich hoffe euch geht’s auch so.
Irgendwie habe ich nun Lust auf Bananenbrot…