Marisa Zuberbuhler

Kreide, Pinsel, Bühne

Fotokarte Vorderseite
Fachbereich:
Content Creation & Marketing
Semester (Modul):
1. Modul

Florian Bouviers Leidenschaft für die Kunst begann in seiner frühen Kindheit mit dem Malen von Fantasiecharakteren. Später stellte er fest, dass sich diese mit Hilfe von Makeup auf echte Menschen übertragen lassen. Dies führte ihn zur Kunst des Drags. In diesem Bericht wird sein Werdegang beleuchtet und aufgezeigt wie er seine Werte, Vorstellungen und Ideen auf der Bühne umsetzt.

Florian Bouviers Leidenschaft für die Kunst begann in seiner frühen Kindheit mit dem Malen von Fantasiecharakteren. Später stellte er fest, dass sich diese mit Hilfe von Makeup auf echte Menschen übertragen lassen. Dies war ausschlaggebend für seinen beruflichen Werdegang und seine Karriere als Dragkünstler. Beim Heaven Drag Race 2019 erlangte er mit seinem eindrucksvollen Auftritt den ersten Platz. Nun strebt Florian danach, als Künstler in der Schweiz zu wirken und andere mit seiner Kunst zu inspirieren.


Am Anfang war die Kreide

Meine enge Freundschaft zu Florian Bouvier hat am Mittagstisch der Oberstufe mit seiner Leidenschaft zur Kreativität begonnen. Über ein Bild, welches er mit Kreide an die Wandtafel gezeichnet hat, kamen wir ins Gespräch. Bereits zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass Florian ein besonderes Talent hat. Seit über zehn Jahren verfolge ich nun seinen künstlerischen Werdegang. In meinem Bericht möchte ich Florian und seine Kunst porträtieren und würdigen. Meinen Schwerpunkt lege ich vor allem auf seine Drag-Kunst, da sie ein bedeutender Teil von Florians künstlerischer Reise darstellt.

Bild 1 Florian Auf Sofa

Wie Florian zur Kunst kam

Florian durchlief seine schulische Karriere mit einigen Wendungen. Nach der Oberstufe entschied er sich aus Mangel an Zukunftsplänen erst einmal mit der Kantonsschule weiterzumachen. Schnell wurde ihm jedoch klar, dass die klassische akademische Route nicht seine Zukunft sein kann, denn sein grosses Interesse galt der Kunst. Um diesem nachzugehen, brach er die Kantonsschule ab und besuchte den Vorkurs an der F+F, der Schule für Kunst und Design. Dort nahm seine künstlerische Laufbahn dann erst so richtig Fahrt auf.

Angefangen hat seine Leidenschaft bereits in der frühen Kindheit mit dem Zeichnen von Fantasiegestalten. Noch heute erinnere ich mich immer gerne an unsere gemeinsamen Projekte. Wann immer ich für eine meiner Geschichten ein passendes Buchcover benötigte, war auf Florian stets Verlass. Später entdeckte er dann, dass er die Charaktere mittels der Schminkkunst an sich selbst zum Leben erwecken kann. Das Auftragen von Makeup ermöglichte ihm zudem, sich bei der Ausübung seiner Kunst etwas mehr gehen zu lassen, denn Florian stellt sehr hohe Ansprüche an sich und seine Werke. Diese Unsicherheit habe auch immer wieder gespürt und bedauert, weil Florian in meinen Augen ein sehr talentierter Künstler ist. Er stand jedoch beim Zeichnen stets unter einem gewissen Druck. «Ich hatte immer die Angst im Hinterkopf, dass ich mit einem, in meinen Augen, falsch gezeichnet Strich das ganze Papier versaue, obwohl man diesen ja wieder ausradieren kann», erklärt Florian. Beim Aufmalen von Makeup ist das aber anders. «Einerseits bietet einem das Gesicht schon eine gewisse Vorlage und andererseits lässt sich das Makeup auch leicht wieder von der Haut entfernen und niemand merkt, dass einmal etwas falsch aufgetragen war.»

Diese neue Art der Selbstentfaltung brachte ihn schlussendlich zum einen zum Drag. Eine Kunstform, welche ihm erlaubte, seine persönlichen Themen und Überzeugungen auf der Bühne zum Ausdruck zu bringen.
Ausserdem hatte dies aber auch grossen Einfluss auf seinen beruflichen Werdegang, denn sie weckte in ihm den Wunsch seine Leidenschaft auch in seiner täglichen Arbeit ausleben zu können. So entschied er sich eine Ausbildung zum Maskenbildner zu absolvieren. Dieser Beruf sprach ihn gleich aus mehreren Gründen an. Zum einen bietet die Arbeit als Maskenbildner die Gelegenheit viele verschiedene Techniken anzuwenden: Vom Designen, zum Modellieren bis hin zum Bemalen. Zum anderen gefiel Florian der Gedanke, dass ein Schauspieler damit einen selbst entworfenen, fiktiven Charakter ins Leben ruft. Nachdem er sich die Kosten der Schule mit einer Lehre zum Friseur zusammengespart hatte, führte ihn sein Weg nach Los Angeles. Dort absolvierte er erfolgreich die Ausbildung als Maskenbildner an der Cinema Makeup School.

Bild 2 Florian Beim Schminken
Bild 4 Florian In Pose


Das Spiel der Gegensätze

Florians künstlerischer Stil zeichnet sich durch einen hohen Detailreichtum und dem Spielen von verschiedenen Gegensätzen aus. So wie in der japanischen Kultur möchte er dem Betrachter seiner Kunst mit leeren Flächen genügend Spielraum für eigene Interpretationen bieten. Im Gegensatz dazu findet sich auf seinen Kunstwerken immer ein Hauptfokus, der sehr ornamentiert und detailreich ist. Dieser soll die Thematik des jeweiligen Werkes versinnbildlichen.

Was sich ebenfalls durch fast alle seiner Arbeiten zieht ist das Spiel zwischen Licht und Schatten. Kontraste, die für ihn Gut und Böse repräsentieren. Seiner Ansicht nach gibt es nichts auf dieser Welt, was sich in rein Gut oder pur Böse einteilen lässt. Deswegen will er mit den grauen Abstufungen, welche er in seine Werke miteinfliessen lässt, den Menschen den Facettenreichtum der Welt vor Augen führen. Florian ist der Meinung, dass es die eigene Perspektive erweitert, wenn man im Stande ist seine eigenen inneren Grauabstufungen zu erkennen. Dies erlaubt es einem auch den Facettenreichtum anderer Menschen wahrzunehmen und zu akzeptieren.

Bild 5 Schminkkasten


Das Heaven Drag Race

Florian erlangte einen bedeutenden Erfolg am Heaven Drag Race. Dem grössten Schweizer Drag Wettbewerb, welches jährlich vom Heaven Club in Zürich, dem einzigen Queer Club in der Deutschschweiz, organisiert wird.

Die Geschichte der Drag Kultur lässt sich bis auf die 1920er-Jahre zurückführen. Bereits dort haben sogenannte Drag Balls stattgefunden. Auf diesen Bällen traten sozial benachteiligte afroamerikanische und lateinamerikanische Jugendliche in verschiedenen Wettkämpfen wie Tanzwettkämpfe oder so genannten Lip-Sync-Battles gegeneinander an. In den 1980er-Jahre entwickelten sich dann grundlegende Konzepte, welche die heutige Drag Scene weiterhin prägen. Mit dem Begriff Dragqueen wurden früher oft schwule Männer bezeichnet, welche sich in Frauenkleider präsentierten. Heute umfasst der Begriff Drag viel mehr.

Florian macht momentan die Erfahrung, dass sich das Verhältnis von Drag zu den Geschlechterrollen am Verändern ist und auch ich bemerke diesen Wandel. Dies hat seiner Meinung nach mit der gesellschaftlichen Ansicht, der Definition von Frau und Mann zu tun. Die klare Abgrenzung zwischen Mann und Frau verändert sich je länger, je mehr, was sich so auch in Drag widerspiegelt. Auch Florian selbst hat sich schon immer gefragt, wieso er sich als Frau ausgeben muss, um in einem ausgefallenen Kostüm auf der Bühne performen zu dürfen. Lieber würde er, zwar in extravaganter Aufmachung, eine trotzdem immer noch ersichtlich männliche Figur verkörpern. Im Gegensatz dazu mag es vielleicht erstaunen, dass er mit dem westlichen, maskulinen Schönheitsideal für Männer nie viel anfangen konnte.

Erst mit seiner Entdeckung von Visual Kei wurde ihm ein Männerbild offenbart, nach dem er lange gesucht hatte. Visual Kei bezeichnet eine Abspaltung der japanischen Rock Szene, in welcher die traditionellen Geschlechterrollen mit androgynen Kostümen hinterfragt werden. Florian findet, die spannendste Drag Kunst diejenige, die sich komplett von Geschlechterrollen befreit. Für ihn ist es wichtiger, dass jeder seine eigenen kreativen, authentischen Ideen auslebt und auf der Bühne präsentiert. Nichtsdestotrotz ist Florian bei einigen Auftritten bewusst als Frau auf der Bühne gestanden sowie auch für unsere Fotos, denn er ist der Meinung, dass man bei jeder Kunstform erst die Grundregeln beherrschen muss, bevor man sie brechen kann. Dies finde ich eine spannende Ansicht, welcher meiner Meinung nach viel Geduld und Disziplin braucht. Zwei Wörter die Florian eher nicht mit sich in Verbindung bringt.

Den angekündigten Regelbruch hat er schlussendlich am Heaven Drag Race im Jahr 2019 in die Tat umgesetzt. Seinen Auftritt hatte er dort in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil performte er als Schattenkreatur im schwarzen Umhang und gehörnter Perücke. Dies sollte seinen Selbstschutz gegenüber der Gesellschaft zeigen. Im mittleren Teil wechselte er dann in einen roten Catsuit. Mit diesem zelebrierte er in einem geschützten Rahmen seine Femininität und nahm sich dieser an. Im letzten Akt präsentierte er dann seinen männlichen Oberkörper in
einem Regenbogenrock. Bis zu diesem Zeitpunkt trug er zudem eine Latexmaske mit traditionell schönem Makeup, welcher er sich als besonderes Statement zum Schluss entledigte. Darunter hatte er sein Gesicht mit verschiedenen Streifen bemalt, welche seinen Facettenreichtum und den Wunsch alle seine Aspekte ausleben zu dürfen repräsentierten. Mit seinem Auftritt, der seine Inszenierung in der Gesellschaft darstellte, erreichte er den ersten Platz. Ich konnte an Florians Auftritt beim Heaven Drag Race leider nicht live dabei sein. Zum Glück gibt es ein Video seines Auftritts, welches mich immer wieder von Neuem in den Bann zieht. Für mich ist es überwältigend zu sehen, wie er seine Vision auf der Bühne zum Ausdruck brachte.

Bild 8 Florian Mit Brüsten
Bild 9 Florian Als Drag Auf Dem Sofa


Florians Wunsch für die Zukunft

Da es in der Schweiz momentan nicht viele Gelegenheiten gibt, als Maskenbildner zu arbeiten konzentriert Florian sich im Moment wieder auf seine Arbeit als Friseur. Sein Wunsch ist es jedoch seine Kunst eines Tages professionell ausleben zu dürfen, um den Menschen seine philosophischen Gedanken noch mehr weitergeben zu können. Er möchte die Menschen mit seiner Botschaft dazu auffordern, sich die Welt so zu Recht zu legen, wie sie sie sich erträumen. Ausserdem möchte er sie dazu inspirieren sich selbst anzuerkennen. Mit seiner Kunst will er die Menschen ermutigen Vertrauen in sich zu haben und sich selbst auszuleben.


Eine inspirierende Transformation

Florians Werdegang zeigt auf, wie viel Kraft ein Mensch aus der Kunst ziehen kann. Von seinen Anfängen als Zeichner von Fantasie-Charakteren bis hin zu seinen Darstellungen als Drag Künstler, hat er nicht nur seine künstlerischen Fähigkeiten erweitert, sondern auch seine Persönlichkeit massgebend weiterentwickelt. Für mich war Florian schon immer ein inspirierendes Vorbild. Durch diesen Bericht habe ich jedoch noch etliche Seiten an ihm kennenlernen dürfen, welche meine Bewunderung für ihn noch weiter gestärkt haben. Mein besonderes Highlight war, dass ich ihm bei seiner Verwandlung zur Drag zusehen durfte. Ich fand es sehr spannend, wie sich seine Haltung und sein Gesichtsausdruck nach dem ersten Pinselstrich augenblicklich verändert haben. Ich freue mich Florian auf seinem weiteren Weg begleiten zu dürfen.


„If men could only know each other, they would neither idolize nor hate.“

Absolventin / Absolvent

Marisa Zuberbuhler

Marisa Zuberbühler studiert seit 2024 Content Creation an der SAE. Seit vielen Jahren lebt sie nun schon in der Welt der Wörter und Geschichten. Wenn sie nicht vor ihrem Laptop sitz und an neuen Ideen feilt, geniesst sie die erholsame Natur der Schweiz, verbringt Zeit mit ihren Herzensmenschen oder steckt gerade knietief in ihrem nächsten kreativen Abenteuer mit Pinsel und Farbe.