Hoch hinaus
Rollende Räder, hektische Schritte und lautes Gelächter. Der Gong erklingt und die Flughafenstimme spricht. Die Vorfreude aufs Fliegen steigt wie ein warmer Schauer durch den Körper. Wer kennt das nicht? Ein wunderbares Gefühl.
Willkommen am Flughafen Zürich. Schön bist du heute zu Besuch bei uns. Zu deiner rechten Seite erblickst du den neu erbauten Circle und zu deiner Linken den Haupteingang des Airport Centers. Über uns hängt der weltweit bekannte Schriftzug «Flughafen Zürich», der uns in weiss begrüsst.



FLUGHAFEN ZÜRICH
Hast du gewusst, dass sein Bau 1946 begonnen hat und er im letzten Jahr das 18. Mal in Folge den renommierten World Travel Award als bester Flughafen Europas gewonnen hat? Nur zu Recht! Denn wer den Flughafen Zürich bereits frequentiert hat, weiss die hochwertigen und innovativen Produkte und Dienstleistungen sehr zu schätzen. Seine letzte Erweiterung, die zu seiner Bedeutung beigetragen hat, ist der bereits vorhin gezeigte Circle. Hierbei handelt es sich um ein kleines Flughafenquartier mit Einkaufsläden, Restaurants, Hotels und sogar einem medizinischen Zentrum des Universitätsspital Zürich für ambulante Behandlungen. Sollte sich einmal deine Abreise um mehrere Stunden verzögern oder dein Flug gar annulliert werden, kannst du eine frisch zubereitete Holzofenpizza bei L’Oro di Napoli bestellen, in der Naturoase «Circle Park» die Beine vertreten oder dir gleich eine ganze Nacht im Hotel Hyatt gönnen. Lass uns nun weitergehen. Setz dir bitte deine Maske auf, gleich kommt unser Shuttlebus, der uns zum Operation Center fährt. Sorry, das mit der Maske war nur ein Spass! Zum Glück ist diese verrückte Zeit der Pandemie nun mehr oder weniger vorbei. Vor der Covid-Pandemie im Jahr 2019 konnte der Flughafen über 31 Millionen Passagiere pro Jahr zählen. Im Jahr 2021 waren es hingegen nur noch 10 Millionen. Erfreulicherweise haben die Flugbewegungen durch die weitgehenden Aufhebungen der Corona-Massnahmen und der steigenden Reisenachfrage wieder zugenommen.
DER WEG ZUM TRAUMBERUF
Wir stehen vor dem Operation Center. Hier sehen wir frisch frisierte und in Uniformen gekleidete Crewmitglieder, die hinter sich kleine Köfferchen herziehen und durch die Eingangstür eilen. Möchte man einer Beschäftigung am Flughafen Zürich nachgehen, stehen einem viele Möglichkeiten zur Verfügung. Wer hingegen genau durch diese Türe gehen möchte, muss ein Mitglied der Crew sein, wie zum Beispiel Nicolas Gitonga, Co-Pilot bei Helvetic Airways.

Der Pilotenberuf begeistert auch heute noch jung und alt. Schon als Kind wollte Nicolas Gitonga Pilot werden. Der Traum, ein grosses Flugzeug um die ganze Welt zu fliegen und ferne Länder und Kulturen kennenzulernen, hat ihn fasziniert. Seine Ausbildung hat er bei der renommierten Horizon Swiss Flight Academy absolviert. Diese bietet als einzige Flugschule ihre Trainings in der Schweiz im Vollzeit-wie auch im Teilzeitmodell an. Dies war ein grosser Vorteil für Gitonga, da sich sein Traum erst auf dem zweiten Ausbildungsweg erfüllt hat. Der Theorieteil der Schulung findet im Fernunterricht oder vor Ort statt, der Praxisteil an diversen Standorten in der Schweiz. Während der Ausbildung zur Linienpilotenlizenz, kann man an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zusätzlich einen Bachelor of Science erlangen. Zählen eine hohe Belastbarkeit, technische Kenntnisse, ein gutes Raumvorstellungsvermögen und Fremdsprachenkenntnisse zu deinen Stärken? Na, dann könnte es mit der Anmeldung losgehen. Nicht zu unterschätzen sind jedoch neben der anspruchsvollen Ausbildung die recht hohen Ausbildungskosten. Um die «frozen ATP» (Airline Transport Pilot) Lizenz zu erwerben, bezahlt man bis zu 130’000 Franken. Diese Fluglizenz ermöglicht zunächst den Co-Piloten-Status. Erst nach mindestens 1500 Flugstunden kann man Flugkapitän werden. Für Gitonga die beste Investition in seine Zukunft. Die Stimmung bei Sonnenaufgang über den Alpen lässt sich kaum in Worte fassen. Für ihn ist es nicht «arbeiten», sondern «fliegen». Privat setzt dieser Beruf definitiv eine gute Organisation voraus. Freie Wochenenden und Feiertage sind rar und regelmässige Arbeitszeiten eine Ausnahme. Je nach Einsatzeinteilung, heisst es am Morgen bereits um 05.10 Uhr Zeit fürs Briefing!
BRIEFING
Bei jedem Flug werden die Crews neu zusammengesetzt. Je grösser die Airline, desto wahrscheinlicher ist es, dass Personen zusammenkommen, die sich zuvor noch nie gesehen haben. Gitonga macht das nichts aus. Er findet es spannend, regelmässig neue Berufskolleginnen und Kollegen kennenzulernen und mit ihnen gemeinsam bei Night-Stops im Ausland neue Restaurants und Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Aus diesem Grund ist es jedoch umso wichtiger, dass sich der Kapitän, der Co-Pilot und die Cabin Crew Members vor dem Flug zur Vorbesprechung treffen. So können sie sich kurz kennenlernen und alle wichtigen Fluginformationen besprechen. In der Aviatik spricht man vom sogenannten «Briefing».

Heute ist unser Glückstag und wir dürfen einen kurzen Blick in den Briefingraum werfen. Hier stehen weisse Stühle und Tische bereit, sodass sich mehrere Crews gleichzeitig auf die kommenden Flüge vorbereiten können. Am Hochtisch stehen der Kapitän und der Co-Pilot. Die Besprechung fängt in Ruhe an und sie haben noch Zeit für einen Kaffee. Sie sprechen sich ab, wer auf diesem Flug als «Pilot Flying» und wer als «Pilot Monitoring» agiert. Erstgenannter wird das Flugzeug steuern, während der Zweitgenannte ihn überwacht und unterstützt. Laut Gitonga tauschen sich immer zuerst Kapitän und Co-Pilot allein aus. Beide haben ein Flypad mit den notwendigen Applikationen darauf. Auf diesen erhalten sie die von den Flight Operation Officers (FOO) geplanten Flugpläne, Infos zu Wetter, Flugplatz und Pistenzustand. Während des ganzen Fluges erhalten die Piloten deren Unterstützung und werden von ihnen beraten. Via Wetterapp «Netair» sehen sie, woher der Wind bläst, ob es Wolken hat und wie Temperatur und Luftdruck sind. Diese Infos werden automatisch im Halbstundentakt aktualisiert. So, jetzt werden sie sich noch kurz am kleinen Gruppentisch mit der Cabin Crew austauschen. Viel Zeit verbleibt der Crew nicht mehr, denn sie müssen durch die Sicherheitskontrolle, um rechtzeitig an Bord des Flugzeugs zu sein. Dort gibt es noch zahlreiche Vorbereitungen zu treffen, bevor die Passagiere einsteigen dürfen. Leider müssen wir uns nun von der Crew verabschieden, denn durch die Sicherheitskontrolle kommen wir ohne Crewberechtigung nicht. Es gibt aber einen großartigen Ort, von wo man das ganze Geschehen in Ruhe beobachten kann…
TAKE-OFF
…die Zuschauerterrasse B. Von hier aus sieht man je nach Windlage die Ab- und Anflüge. Die erste Person der Crew, die vor dem Flugzeug steht, darf die Türe öffnen. Die Vorbereitungen können starten. Während die Cabin Crew Snacks und Getränke bereitstellt, kontrolliert der «Pilot Flying», ob das Equipment im Cockpit vollständig ist. Vor allem wichtig ist die Überprüfung der Notfallausrüstung. Rettungswesten, Taschenlampen, Feuerlöscher und Rauchschutz sind zum Glück vorhanden. Check! Der «Pilot Monitoring» kontrolliert in dieser Zeit das Flugzeug von aussen. So bleiben Schäden am Flugzeug, wie zum Beispiel Vogelschläge, abgenutzte Bremsen und Pneus oder auslaufendes Öl nicht unerkannt und können noch vor dem Abflug behoben werden. Die Passagiere sind nun an der Reihe für das Boarding. Bevor der Pilot das Flugzeug in Bewegung setzt, wird gezählt, ob alle an Bord sind. Auf dem Weg zur Startpiste erklingt ein Signal durch die Lautsprecher und eine Stimme sagt: «Cabin Crew, ready for take off!» Jetzt weiss die Cabin Crew, dass nicht nur die Passagiere, sondern auch sie angeschnallt auf ihren Plätzen sitzen müssen. Dies ist ihre kleine Pause. Der «Pilot Flying» schiebt langsam den Schubhebel nach vorne. Das Flugzeug beschleunigt und bei der Erreichung der «decision speed» muss das Flugzeug in die Luft. Denn beim Erreichen dieser Geschwindigkeit kann der Start nicht mehr abgebrochen werden.

HIMMLISCHE GEDANKEN
Pausen hoch oben im Himmel? Natürlich haben die Piloten welche. Aber erst nach der sterilen Cockpitphase. Sobald die Triebwerke laufen, ist ihre volle Aufmerksamkeit gefordert. Da liegen persönliche Gespräche nicht drin, es wird nur noch über Operationelles gesprochen. Bei Flight Level 100, das entspricht ungefähr 3500 Metern über dem Boden, haben sie dann wieder Zeit für private Gespräche, kurze Pausen und Kaffee trinken. Sie hören und führen aber natürlich dennoch aus, was der FOO sagt.

LANDING
Flugstrecken bis zu 1000 km gelten als Kurzstreckenflüge. Im Vergleich zu Langstreckenflügen verbleibt den Pilotinnen und Piloten nach dem Steigflug gar nicht viel Zeit, um sich zurückzulehnen, da sie sich schon bald wieder bereit machen müssen für den Sinkflug. Der «Pilot Monitoring» druckt das Wetter vom anzufliegenden Flugplatz aus. Darauf sehen sie die Windrichtung, den Luftdruck und die Temperatur und geben diese Angaben zusammen mit dem Flugzeuggewicht in der App ein. Jetzt können sie die Geschwindigkeit, welche sie für das Aufsetzen auf der Landebahn erreichen möchten und den damit verbundenen Bremsweg ermitteln. Bei der Landung sind sie immer in Kontakt mit dem anzufliegenden Flughafen. Diese senden ihnen Vektoren für das Instrumentenlandesystem, welches sie auch bei schlechtem Wetter auf die richtige Piste führt. Bei 200 Fuss, das entspricht ungefähr 70 Metern über Boden, liegt die «decision altitude». Wenn sie auf dieser Höhe die Piste nicht sehen können, starten sie nochmals durch, ansonsten dürfen sie landen. Leider kann man nicht einfach die Bremse drücken wie bei einem Auto. Der «Pilot Flying» teil seinen Anflug so ein, so dass die Geschwindigkeit zur Höhe passt, öffnet die Landeklappen und entscheidet, ab wann er das Fahrwerk ausfahren möchte. Während der Landung ist die Arbeit nochmals klar unterteilt. Der fliegende Pilot hält das Steuerhorn und den Schubhobel in der Hand, während der andere funkt, überprüft und Anweisungen ausführt. Wenn das Flugzeug im Leerlauf auf die Piste segelt, nennen Gitonga und seine Berufskolleginnen und Kollegen dies eine Landung der Königsklasse. Die ist weich wie Butter und der grösste Stolz jeder flugzeugführenden Person. Nach der Landung verbleibt wieder nicht viel Zeit. Das Flugzeug wird kurz geputzt, aufgetankt und dann beginnt gleich das nächste Boarding. Ein Signal erklingt durch die Freisprechanlage und eine Flugzeugstimme spricht: «Meine Damen und Herren. Wir freuen uns Sie heute an Board begrüssen zu dürfen.»

Jetzt ist es die Freude aufs Fliegen. Der Puls steigt an und im Bauch fängt es an zu kribbeln. Wer kennt das nicht? Ein wirklich wunderbares Gefühl.